Erinnerung an den Holocaust

Heute wurde auch in Höhr-Grenzhausen eine Gedenkstunde für die Opfer des Holocaust durchgeführt. Schon seit vielen Jahren wird diese Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den Kirchen und dem Schulzentrum organisiert. Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums im Kannenbäckerland hatten sich im Unterricht mit der Wirkung von Propaganda auseinandergesetzt und hierzu ihre Gedanken während der Gedenkstunde, die musikalisch ebenfalls durch die Schüler begleitet wurde, vorgetragen. Es hat mich gefreut, dass auch die Leiterin des Keramikmuseum, Frau Gass, wieder ihre Gedanken zum Ausdruck gebracht hat. Erstmals konnte der Gedenktag nicht im Keramikmuseum erfolgen, dafür führte uns der Schweigemarsch zum Stadtpark, wo wir im Jahre 2015 eine kleine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet haben. Dort wurden die Namen der 25 Opfer aus unserer Verbandsgemeinde verlesen.

Schweigemarsch von der Schule zum Stadtpark

Nachstehend ein Auszug aus meiner heutigen Rede:

„…ich sagte gerade, dass wir den Ablauf ändern mussten. Die Zeugnisausgabe engte uns zeitlich ein. Wenn man erkennt, dass ein gesetztes Ziel nicht mit den bisherigen Abläufen erreichbar ist, müssen Veränderungen erfolgen. Als sich am 20. Januar 1942, also vor 75 Jahren, am Berliner Wannsee Menschen trafen, ging es darum, den bereits laufenden Völkermord zu koordinieren und effektiver zu gestalten. Tatsächlich wurde in der Folge die Tötungsmaschinerie der Nazis regelrecht industrialisiert. Ghettos, wie Theresienstadt wurden zu Durchgangslagern, in denen selbst tausende von Menschen ums Leben kamen. Gerade Theresienstadt sollte dabei noch zur Verschleierung beitragen und wurde von den Nazis zur Propaganda genutzt. ….

Und heute?

Populismus, Fake-News oder alternative Fakten.

Über Internetprogramme bzw. Plattformen werden Nachrichten innerhalb kürzester Zeit verbreitet. Den Wahrheitsgehalt überprüfen wir selten, man stimmt diesen Beiträgen zu, liked sie, verteilt sie weiter. Sie alle kennen das. Lösungen für die Masse werden angeboten, Schlagworte immer wiederholt und nur Emotionen angesprochen.

In einer Demokratie ist die Meinungsfreiheit ein besonders zu schützendes Gut. Das zeichnet diese Staatsform sicherlich aus. Dabei fällt den Medien und dem Journalismus eine besondere Rolle zu. Die Medien sollen erklären, aufklären. Die Wertung sollte von uns selbst erfolgen.
Während der Nazi-Diktatur wurden die damaligen „neuen Medien“, Radio und Film, sehr konsequent zur Beeinflussung genutzt. In einer Art und Weise, wie man sie damals noch nicht kannte.
Heute, im Jahre 2017, läuft fast jeder von uns mit einem Handy oder Smartphone herum. Jeder von uns wird schon einmal fremdenfeindliche Inhalte erhalten haben und dann?

Ok, Beitrag oder Bild gelöscht? Zumindest bei Whatsapp ist das ja möglich. Haben sie dann die Gruppe bei Whatsapp vielleicht stumm geschaltet, oder die Gruppe verlassen? Nein, ich will ja irgendwie dazugehören. Nun, vielleicht rede ich mit dem Absender, ob ihm klar ist, was er da verbreitet. Nein, ich lass es besser, wenn ich gleich Zeit habe, schicke ich ihm eine Nachricht, „lass den Blödsinn“.
Und dann geschieht doch nichts.

Durch Nichtstun schweigend zuschauen, mitschuldig?

Wegschauen, beschönigen, vertuschen kann schlimme Folgen haben. Die Wahrheit schmerzt manchmal, sie kann unangenehm und beschämend sein. Wenn wir das Beschämende dann fühlen, fühlen wir uns, in unserer Kultur zumindest, unwohl und werden versuchen, dieses Gefühl nicht erneut zu erfahren.

Es ist vielleicht im normalen Gespräch, in der Pause, für Sie alle, nicht beschämend, was in Auschwitz passierte. Wir waren auch nicht dabei, wir haben niemanden selektiert und nicht entschieden:  Arbeitseinsatz oder direkt zur Gaskammer.

Ich finde es allerdings beschämend, wenn Volksvertreter sich hinstellen und von einer Schande sprechen, über ein Mahnmal, das an das größte Verbrechen der Menschheit erinnern soll.

Jeder, der einmal an diesem Mahnmal in Berlin war, ein Konzentrationslager besuchte oder Eindrücke eines Soldatenfriedhofes mit tausenden von Kreuzen hat auf sich wirken lassen, muss Beklemmung fühlen und muss für sich feststellen, so etwas darf nie wieder passieren.

Wir gehen gleich im Schweigemarsch in den Stadtpark. Dort haben wir gemeinsam, insbesondere mit Schülerinnen und Schülern dieses Schulzentrums, das Projekt „Leben – Spuren – Erinnerung“ umgesetzt. Es hat zwei Jahre gebraucht, um dieses kleine Mahnmal mitten in unserer Stadt Wirklichkeit werden zu lassen. Die Namen der Juden aus Höhr-Grenzhausen und deren Sterbeorte, Auschwitz, Theresienstadt, sollen auch uns mahnen.

Sollen wir uns wegen diesem Mahnmal schämen? Sollen wir es als Schande empfinden, dass wir uns erinnern? Es ist wichtig, dass uns bewusst wird, dass wir eine Verpflichtung haben, so etwas nie mehr zuzulassen. Rassenwahn, Verfolgung wegen sexueller Orientierung, Internierung wegen Behinderung und spätere maschinelle Tötung darf es nicht mehr geben. So etwas darf nie mehr von Deutschen, vom deutschen Boden ausgehen.

Trotz der Bilder, Videos aus Fernsehen und Internet, aus allen Kriegsgebieten dieses Planeten, können wir uns nicht vorstellen, zumindest ich nicht, wie es gewesen sein muss, als am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde.
Dieses Leid zu sehen, Leichenberge, Lagerhallen voller Kopfhaar, Koffer, Schuhe, Zahngold und die Gewissheit zu bekommen, dass stammt von tausenden Menschen, die hier in Auschwitz, in dieser Tötungsfabrik ermordet wurden.

Beklemmung macht sich bei mir breit und Scham, wenn ich daran denke, mir die Zahlen ins Bewusstsein rufe, die dann doch unvorstellbar sind.

Es ist gut, wenn wir uns erinnern und uns das Grauenvolle sprachlos macht….“

Print Friendly, PDF & Email