Holocaust – Erinnerung an die Residenz des Todes

Gestern war der Holocaust-Gedenktag in Deutschland. Auch in unserer Verbandsgemeinde Höhr-Grenzhausen wurde den Opfern des Nazi-Regimes gedacht. Knapp 60 Personen hatten sich im Pavillon der Arbeiterwohlfahrt im Stadtpark eingefunden. Darunter auch einige Schüler aus dem Gymnasium im Kannenbäckerland. Im Vorfeld des Gedenktages konnte ich mit einer kleinen Gruppe über das Thema und den Ablauf sprechen. Dabei wurde die Frage: „warum steht auf den Gedenktafeln im Stadtpark verschollen“, in den Mittelpunkt gerückt.

Die Gedenktafel am Stadtpark

Hierzu hatten sich die Schülerinnen und Schüler erneut mit den Biografien der ehemaligen jüdischen Mitbürger beschäftigt und versucht eine ähnliche Situation für sich selbst nachzustellen und festgestellt: „Jeder hat verdient, dass man nach ihm fragt“.
Die Studentin Saskia Kaiser, IKKG, hat mit ihrem Video „Verschollen“ eine künstlerische Interpretation gefunden. Odelia Lazar und Michael Wienecke begleiteten musikalisch den Shoa-Gedenktag.

Zum Shoa-Gedenktag 2018 wurde am Stadtpark eine Hinweistafel aufgestellt, die auch auf die Gedenktafeln an der Mauer des Stadtparkes hinweist. Vielen Dank an die Unterstützer (Kurs ev. Religion 10 G8 Gymnasium im Kannenbäckerland, Rolf Knieper, Stefan Wolfram, Monika und Bernd Christ) für diese so wichtige Form der Erinnerung. Gefördert wurde die Gedenkstunde durch das Bundesprogramm „Demokratie leben„.

Ansprache im Pavillon der AWO

Ein Auszug aus meiner Rede:

….Damals war es Friedrich! Haben wir vorhin gehört, der die Schule verlassen musste. Der Abschied vor der Klasse, mit dem Wunsch, dass die Freundschaft bestehen bleibt, wird mit einem „Heil Hitler“ beendet. Das ist grotesk. Der Schüler Friedrich musste gehen, vielleicht wirklich erst in eine andere Schule. Sein Weg wird sich jedoch dramatisch verändern.
Vielleicht hat Friedrich ähnlich Erfahrungen gemacht, wie der jüdische Häftling Salmen Gradowski im KZ Auschwitz.

„Wir schlurfen durch den aufgeweichten Boden, lehmigen Boden, voller Furcht und am Ende unserer Kräfte. Wir erreichen unsere neuen Gräber, wie wir unsere neuen Häuser nannten.“ Weiter heißt es im Text: „Alle sind wie betäubt und schauen sich um, wohin man sie denn gebracht habe. Es sei die Residenz des Todes…“

Salmen Gradowski hat den Weg bis zum Vernichtungslager Auschwitz überstanden um dort Unvorstellbares zu erleben. Welches Leid, welchen uns unbegreifbaren Wahnsinn diese Menschen durchmachen mussten. Ich kann es mit Worten nicht fassen. Gräueltaten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Worte und Begriffe die uns heute leicht über die Lippen gehen, aber können wir sie auch verstehen? Können wir einen Begriff, der in den Gedenksteinen, an der Mauer des Stadtparkes, eingelassen ist verstehen?

Verschollen!

 

Die Gedenktafel von Henriette Herz trägt ebenfalls die Inschrift „verschollen in Auschwitz“. Wilbert Stahl besuchte im Jahre 2015 mit Messdienern die Gedenkstätte Auschwitz. Dort hatte er die Möglichkeit im Archiv zu recherchieren. Seine Aufzeichnungen geben wieder, dass Frau Herz im September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Am 23. Januar 1943 erfolgte der Abtransport nach Auschwitz. Herr Stahl vermerkt weiter: „Vermutlich zwei Tage später dort ermordet.“

Verschollen? In einer Tötungsmaschinerie die plante und mit Akribie vorging konnten Menschen einfach verschwinden? Konnte man nicht mithalten bei den Aufzeichnungen des Todes. Waren die Todeslisten zu lang? Kann es sein, das man einfach nicht mehr erfasst hat. Ein Toter mehr oder weniger? Bei den schier unglaublichen Zahlen in Auschwitz, Millionenfacher Tod, was macht da schon ein Strich auf einer Zählliste?

In Auschwitz, der Residenz des Todes, wurde gemordet. Massenhaft, industriell. Und die Verantwortlichen wussten was sie machen, wurde darum verschleiert, nicht mehr registriert? Auf den Todesmärschen in die Lager verstarben Menschen. An Krankheiten, Unterernährung, Erschöpfung. Sie fielen beim Marsch einfach um. Gräber wurden wohl kaum geschaufelt, der Transport musste weitergehen. Menschen die diese Märsche nicht überlebten, gelten als verschollen. Umgangssprachlich vielleicht richtig.

Sie wurden aber auch Opfer, Opfer des Nazi-Regimes, des Rassenwahns. Und wenn ein Mensch Opfer wurde, muss es einen Täter geben. Gewaltverbrechen werden von Menschen an Menschen verübt. Können oder müssen wir dann nicht den Begriff „Verschollen“ in unseren Gedenktafeln verändern?
Muss dort nicht ermordet stehen?

Ermordet von wem?

Kann man von Mord sprechen, wenn man wegen Erschöpfung, oder Unterernährung einfach umkippt und das Herz aufhört zu schlagen, wenn man die Strapazen, die Qualen des Leides überstanden hat? Es gab nicht den einen Menschen, der die Verschollenen, dies meine ich jetzt umgangssprachlich, gezielt getötet hat. Wir können heute nicht nachweisen, ob die Verschollenen von damals von einem Täter umgebracht, ermordet wurden. Daher erscheint es korrekt, wenn wir von verschollen sprechen.
Und dennoch rede ich von Mord an Menschen.

Menschen wurden ermordet, vernichtet weil ihre Herkunft, Abstammung oder sexuelle Neigung nicht in das Gedankengut des Rassenwahns passte….

Und es begann im Kleinen. Mit Provokation, Einschüchterung, Verleumdung, mit Worten.

Ein Wort: Verschollen

Verschollen steht an vielen Mahnmahlen und Erinnerungstafeln. Jeder Mensch hat verdient, dass man nach ihm fragt. Bitte fragen Sie auch weiterhin und fragen Sie warum?

Respekt vor dem Anderen, Offenheit und Toleranz sind die Garanten für eine friedvolle Zukunft.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.